ARS 3/1994, S. 237-311


   Jozef Medvecký:

   Zu den Anfängen der Tätigkeit Carpoforo Tencallas
   Die frühbarocken Fresken auf der Burg Èervený Kameò
   und ihre Ikonographie

   (Zusammenfassung)


Ein nicht wegzudenkender Teil der feudalen Repräsentation waren Um- und Neubauten der Familiensitze und ihre reichhaltige frühbarocke Ausschmückung. Bei diesen großzügigen Unternehmungen erhielten viele bedeutende Künstler und Handwerker aus dem In- und Ausland Gelegenheit zu ihrer Betätigung. Bemerkenswert ist besonders die Tätigkeit der wandernden Gesellschaften von Baumeistern, Maurern, Steinmetzen, Stukkateuren und Malern norditalienischer Herkunft (besonders aus dem Gebiet der Seen von Como und Lugano), deren Invasion nach Mitteleuropa in dieser Zeit laufend weiterging. Viele von diesen Künstlern und Handwerkern fanden im 17. Jh. gelegentlich auch bei uns Beschäftigung.

Zu den bedeutendsten von ihnen gehörte der Maler Carpoforo Tencalla (1623- 1685) aus Bissone am Luganer See (Kanton Ticino-Tessin), der seine Laufbahn als erfolgreicher Freskomaler gerade mit seinem Wirken in der Slowakei begann. Die Werke, die er zusammen mit den Stukkateuren auf der Pálffy-Burg Èervený Kameò hinterließ sind mit seinen späteren Fresken in Österreich und Mähren aus den Jahren 1659- 79 zu vergleichen, und auch ihrer Qualität nach kann man sie ihnen entschieden beiordnen.

Ungeachtet dessen, daß die Schlüsselstellung der Persönlichkeit von Carpoforo Tencalla in der Entwicklung der mitteleuropäischen frühbarocken Wandmalerei erst in den letzten Jahren gebührend gewürdigt wird und die in Österreich erhalten gebliebenen Werke durch das Verdienst von W. Kitlitschka und andere Forscher ausgewertet wurden, hat man seine Werke von Èervený Kameò bis jetzt zu Unrecht übergangen. Tencallas Malereien in unserem Land zogen die österreichischen Autoren bei der Bewertung seiner Arbeiten nicht in Erwägung. Ihre gründliche kunsthistorische Behandlung und ihre Eingliederung in den Kontext von Tencallas Schaffen und in die breiter zeitgenössische Problematik ist noch ausständig. Einen Versuch dazu stellt dieser Beitrag dar.

Nicolaus Pálffy

Als Ältester des Geschlechts übernahm 1653 die erblichen Ämter Nicolaus IV. Pálffy, der einzige Sohn und Erbe von Pauls Bruder Stephan II. Pálffy und der Gräfin Eva Susanna Puchhaim (der Tochter des Feldmarschalls Graf Johannes Christoph Puchhaim). Der junge Nicolaus hatte eine gründliche Schulung erhalten, die seiner gesellschaftlichen Stellung angemessen war. Nach seinen Studien am Jesuitengymnasium von Trnava (1634-36) studierte er weiter in Wien (1636-42) und ab September 1642 an der Universität in Ingolstadt. Nach Abschluß seiner Universitätsstudien reiste er nach Italien, wie es damals üblich war, und verbrachte längere Zeit in Rom (1645-47). Die Kavalierreise war eine notwendige Krönung der höheren Bildung, die in dieser Zeit neben den traditionellen Fertigkeiten und ritterlichen Tugenden wie z.B. Tapferkeit im Krieg, ein Teil des Kodex des vollendeten Edelmannes geworden war. Es ging um das Erreichen eines gewissen "mentalen Standards" (Z. Hojda), der den jungen Edelleuten einen erfolgreichen Eintritt in die Hofgesellschaft sowie ein allmähliches Vorrücken auf der Stufenleiter der komplizierten höfischen Hierarchie sowie die allseitige Beherrschung ihrer ständischen Aufgabe ermöglichte.

Die italienischen Eindrücke mußten stark auf den jungen Nicolaus Pálffy gewirkt haben. Er widmete sich begeistert der Erkenntnis, dem Anknüpfen von gesellschaftlichen Kontakten und den adeligen Übungen. Wie die anderen jungen Männer reiste er während seines Rom- Aufenthaltes auch in andere Städte ( Venedig, Neapel).

Nach dem plötzlichen Tod des Vaters endete für Nicolaus das sorglose Leben. Er mußte nach Hause zurückkehren und sich seines Erbteils aus dem Familienbesitztum annehmen, das ihm Stephan hinterlassen hatte. 1649 wurde er königlicher Kämmerer am Wiener Hof Ferdinands III., wo er allmählich auch andere bedeutende Ämter und Würden errang.

1649 heiratete Nicolaus Pálffy. Seine vermögende Braut wurde seine Altersgenossin Maria Eleonora Harrach, die Tochter des Reichsgrafen Karl Leonhard VII. von Harrach und Maria Franziska, Fürstin von Eggenberg. Das verzweigte Geschlecht der Harrach, der Nachkommen des kaiserlichen Hofrats Karl von Harrach (1570-1620) war verwandt mit den Eggenbergs, den Waldsteins und anderen bedeutenden Familien. Außer dem Familiensitz im niederösterreichischen Rohrau gehörten ihm weitere umfangreiche Besitzungen in Österreich und Böhmen. Wie es in diesen Gesellschaftskreisen üblich war, verfolgten mit solchen ehelichen Verbindungen auch die Pálffys zielbewußt die wohlüberlegte Politik der Hebung des Reichtums und des Einflusses der Familie. Nach dem Tod seines Onkels, des Palatins Paul Pálffy 1653 übernahm Graf Nicolaus als Ältester der Familie die Funktion des obersten Hauptmannes der Preßburger Burg und des erblichen Hauptgespans des Komitats Preßburg und des Wächters der ungarischen Krone. Am 13. Dezember 1653 wurde er mit dem Orden des Goldenen Vlieses ausgezeichnet. Wie alle Pálffys beteiligte sich auch er am Kampf gegen die Türken. Auf Grund des Senioratsrechtes übernahm er auch die Verwaltung des Fideikommisses der Familie, der durch Pauls Testament eingerichtet worden war.

Der frühbarocke Umbau der Burg Èervený Kameò

Zum Sitz der jungen Eheleute wurde die Burg Èervený Kameò (Vöröskö, Bibersburg). Einen Teil davon hatte Nicolaus IV. Pálffy von seinem Vater geerbt, bis 1671 verwaltete er auch die andere Hälfte. Die Burg, die von den Fugger als mächtige Festung auf einem felsigen Ausläufer der südöstlichen Hänge der Kleinen Karpaten (ungefähr auf halbem Weg zwischen Preßburg und Trnava) erbaut worden war, hatte Nicolaus II. Pálffy nach 1588 im Renaissancestil umgebaut. Er war nach der Hochzeit mit Maria Magdalena Fugger und der Auszahlung der anderen Erbteilhaber ihr Eigentümer geworden. In der Mitte des 17. Jh. war die Burg aber schon verwahrlost, von Bränden beschädigt und bedurfte dringend der Reparatur.

Nicolaus IV. Pálffy realisierte hier seine Vorstellungen durch einen weiteren Umbau, der besonders auf die Veränderung der Innenräume des Wohnflügels des Burgpalastes abzielte. Dieser sollte in einen luxuriösen Adelssitz verwandelt werden, der den Anforderungen der Repräsentation und dem frühbarocken Zeitgeschmack entsprach. Beim Eingriff in den Vorgängerbau und beim Charakter der Adaptierung der neu entstandenen Räume sind auch italienische Impulse evident - Reminiszenzen unter dem Einfluß der verhältnismäßig frischen Eindrücke, die der Graf auf seiner Italienreise gewonnen hatte.

Mit der Arbeit am Umbau der Burg in den Jahren 1651-64 betreute er italienische Künstler, die auf seinen Auftrag hin die Ausschmückung der Wohn- und Repräsentationsräume ausführten. Im südwestlichen Flügel des Burgpalastes ist die Dekoration noch heute erhalten, und die sala terrena im Erdgeschoß gehört nach der Meinung mehrerer Forscher zu den schönsten in Mitteleuropa erhaltenen frühbarocken Interieurs. In die kalte, wuchtige und unfreundliche Karpatenfestung war hier nach dem Wunsch des Auftraggebers eine glänzende Illusion italienisch wirkender Pracht gezaubert worden.

Am Umbau und an der Ausschmückung der Innenräume der Burg beteiligten sich Künstler norditalienischer Herkunft unter der Führung des kaiserlichen Architekten und Stukkateurs Filiberto Luchese aus Melide (1606-1666), der für Pálffy's schon eher tätig war. Seine Aufgabe besaß auch hier Schlüsselstellung. Wie es üblich war, beaufsichtigte er neben der Planung auch selbst die Bauarbeiten und mußte sich auch um die Auswahl der Handwerker kümmern, die dann unter seiner Leitung (nicht selten auch nach seinen Entwürfen) die anschließenden Dekorationen in den Innenräumen ausführten. Durch Lucheses Vermittlung erscheinen in den Fünfzigerjahren auf der Burg auch völlig neue Namen. Mehrere bisher unbekannte Künstler und Handwerker waren hier beschäftigt - Maurer, Steinmetzen, aber besonders auch Stukkateure, Bildhauer und Maler.

Die Dekoration der Innenräume der Burg

Es besteht kein Zweifel darüber, daß die gesamte frühbarocke bildhauerische und malerische Dekoration wie auch die Stukkaturen in den Wohn- und Repräsentationsräumen dieses Flügels des Burgpalastes zu Nicolaus Lebzeiten entstanden ist (er starb 1679). Trotz der unbestrittenen Bedeutung und Qualität des heute noch erhaltenen Teils hat sich bis jetzt noch niemand genauer damit beschäftigt. Die zeitliche Einordnung ihrer Entstehung konnte nur rahmenhaft bleiben, unsicher waren auch die Fragen der Autorschaft der einzelnen künstlerischen Werke. Offensichtlich war auch, daß die plastische Stuckdekoration der Innenräume ein Werk mehrerer Stukkateurwerkstätten war, die von Filiberto Luchese vermittelt worden waren und die sich auf der Burg nach und nach ablösten. Namen der Meister sind aber bis jetzt nicht bekannt.

Dem gegenüber konnte schon K. Garas die Autorschaft der qualitätsvollen figuralen Wandmalereien nach den Stilmerkmalen eindeutig dem bedeutenden Freskomaler Carpoforo Tencalla zuschreiben, auch wenn dessen Tätigkeit in Èervený Kameò bis jetzt archivarisch nicht gründlich bewiesen ist.

Obwohl der Rest des Familienarchivs der Pálffys (heute im Slowakischen Nationalarchiv in Bratislava) schon seit dem 19. Jh. Gegenstand des Interesses vieler Forscher war, bleiben noch eine Menge unbearbeiteter Quellen, deren Durchforschung besonders vom kunsthistorischen Gesichtspunkt her viele bedeutende und überraschende Erkenntnisse über die Pálffyschen Bauunternehmungen im 17. Jh. bringen könnte. Beweis dafür sind auch die von P. Fidler bearbeitete Rechnungsmaterialien der Zentralverwaltung der Pálffyschen Güter (Nikolaus Pálffy und Erben), die Aufzeichnungen des Hofmeisters enthalten. Aus ihnen geht hervor, daß der Schwerpunkt der Arbeiten in Èervený Kameò schon in den Jahren 1654-57 lag und - was noch bemerkenswerter ist - wir erfahren hier auch die Namen der Künstler, die sich sukzessive an der Ausschmückung der Innenräume der Burg beteiligten. Für uns am interessantesten sind besonders die Aufzeichnungen, die Posten betreffen, die den Stukkateuren (Carlo Marlian und Alessandro Sereni, Francesco Bussi, Domenico/?/ Luchese), dem Maler Hans Peter Pock (Tach) und schließlich 1655 auch dem Freskenmaler Carpoforo Tencalla ausbezahlt wurden.

Carpoforo Tencalla auf Èervený Kameò

Carpoforo Tencalla erscheint erstmals namentlich auf der Burg im Mai 1655, als seine erste Bezahlung von 12 Gulden aus der Kasse des Burgverwalters aufgezeichnet wurde. (Sein Honorar für die Malereien mußte natürlich wesentlich höher gewesen sein, es wurde aber aus einem anderen Fond ausbezahlt.) Er arbeitete hier drei Monate lang. Er begann offensichtlich mit den Fresken an den Decken der Wohn- und Repräsentationsräume, deren Stuckdekoration (Marlian und Sereni) inzwischen vorbereitet war, dann malte er die Kuppel in der Kapelle und zum Schluß in der sala terrena. Er verließ Èervený Kameò schon im Juli und kehrte anscheinend nach Hause zurück. Spätestens im Dezember 1655 war er schon in seinem Heimatort Bissone (J. Ganz).

Es geht um die bedeutende und überraschende Feststellung, die bis jetzt nur durch ein einziges Indiz bestätigt wird - die konfuse Angabe von J. von Sandrart (1675) über Tencallas Arbeiten "bey H. Graf Palvi in Ungarn zu Peternell". Die durch die Archivbelege ermöglichte genaue Datierung der Entstehung der Fresken in Èervený Kameò verschiebt aber die bisherigen Kenntnisse über seine Tätigkeit. Bis jetzt wurde nämlich nicht vorausgesetzt, daß Tencalla schon vor dem Jahr 1659 über die Alpen gekommen ist. Aus diesem Jahr datieren seine ersten Werke auf dem Gebiet der Donaumonarchie - die Arbeit an der Dekoration der Klosterkirche im oberösterreichischen Lambach. Noch überraschender ist aber, daß die Werke aus diesen Jahren auch in seinem Heimatland nicht bekannt sind (das Aurora-Fresko in Bergamo im Palast des Marchese Terzi, das für sein überhaupt erstes Werk gehalten wird, entstand wahrscheinlich erst um 1657).

Während z.B. der Stukkateur Serenio anscheinend in Èervený Kameò nur als Gehilfe debütierte, stellte sich der damals einunddreißigjährige Tencalla hier schon als fertiger, geschickter Maler in voller Kraft vor. Seit welchem Zeitpunkt beide mit Luchese arbeiteten und wer sie Nicolaus Pálffy vermittelt hatte, ist nicht bekannt. (Luchese empfahl Tencalla später auch dem Abt Plazidus Hieber von Greifenfels nach Lambach, seinem ersten österreichischen Auftraggeber, und wahrscheinlich ein Jahr später auch dem Grafen von Abensberg- Traun in Wien.)

Erst 1665 erhielt er wieder einen Ruf nach Wien. Er sollte mit seinen Fresken Lucheses Neubau des Leopodinischen Trakts der Hofburg ausschmücken. Seit damals war er ständig in Österreich beschäftigt. Mehrere Aufträge führte er dann für die Kaiserinwitwe Eleonora Gonzaga von Mantua aus (die in der Hofburg wahrscheinlich schon beim Brand von 1668 vernichtet wurden). Als ihr Hofmaler schuf er auch die Fresken in mehreren Wiener Kirchen. Damals begann sich schon sein Ruhm zu verbreiten, er wurde ein erfolgreicher und gesuchter Maler in den Kreisen des österreichischen Hochadels um den Wiener Hof. Er widmete sich fast ausschließlich der Freskomalerei, in der er praktisch konkurrenzlos blieb.

Viele von Tencallas belegten Arbeiten wurden schon im 17. Jh. vernichtet ( besonders durch Brände und Beschädigungen im Verlauf des Türkenkrieges vor Wien 1683), andere wurden bis auf wenige Ausnahmen vollständig übermalt (Kromìøíž). Umso bedeutender sind die Malereien in Èervený Kameò, von denen die meisten in beinahe authentischen Zustand erhalten (sala terrena) bzw. nach und nach restauriert worden sind (Kapelle und die Räume im ersten Stock).

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